Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum, der den SPD-Finanzminister Lars Klingbeil berät, rät, das gesetzliche Rentenalter künftig nicht mehr an Lebens- sondern an Beitragsjahre zu koppeln. In einem Gespräch mit der Bild am Sonntag, über das unter anderem auch der SPIEGEL berichtet, setzt er sich für die Idee eines flexiblen Rentenbeginns nach Lebensarbeitszeit ein. SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas hatte diesen Vorschlag bereits früher öffentlich vertreten.
Konkret könnte künftig ein Renteneinstieg ohne Abschläge nach 45 Jahren möglich sein. Dann müssten etwa Akademiker, die erst mit 25 Jahren in den Beruf und in die Beitragszahlung starten, bis 70 arbeiten, während Menschen aus Lehrberufen wie dem Handwerk, die eher in den Job starten, früher in Rente gehen könnten. Der Vorschlag fand zuletzt in der Politik breite Resonanz nicht nur bei SPD und Grünen, sondern auch wohlwollende Worte von Kanzler Friedrich Merz und CSU-Chef Markus Söder.
Der Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, hält nun in einer Kolumne für die ZEIT hart dagegen: Die Idee klinge gerecht, sei es aber nicht. So zeige eine neue Kurzstudie des DIW auf Basis von Rentenversicherungsdaten des Jahrgangs 1957, dass nur 41 Prozent der Versicherten überhaupt die 45-Jahres-Schwelle erreichten. Und dies seien vor allem gut verdienende Facharbeiter und Angestellte mit ununterbrochenen Erwerbsbiografien, überwiegend Männer in stabilen Industrie- und Verwaltungsjobs. Dagegen sei es für Frauen mit Kindern, Geringverdienende und Menschen mit Arbeitslosigkeitsphasen viel schwieriger, die 45 Beitragsjahre zusammenzubekommen, um so früher in Rente zu gehen.
Rente nach Beitragsjahren nützt vor allem Besserverdienenden
Im untersten Einkommensquartil erreichten gerade einmal 4,2 Prozent die 45-Jahres-Schwelle, im obersten Einkommensviertel dagegen 62 Prozent. So müssten womöglich gerade die Ärmeren später Abschläge bei der Rente hinnehmen, während jemand, der mit 16 Jahren eine Ausbildung gestartet und danach als gut verdienender Facharbeiter durchgearbeitet hat, bereits mit 61 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen könnte, was heute komplett ausgeschlossen ist. Ein Rentenbeginn nach Beitragsjahren wäre laut Fratzscher eine Umverteilung von Arm zu Reich, ein „Rentenroulette":
Die Kopplung des Renteneintritts an die Beitragsjahre ist eine politisch verlockende, aber verteilungspolitisch schädliche Idee. Sie würde die ohnehin vorhandene Umverteilung von unten nach oben im Rentensystem verstärken und genau jene Gruppen treffen, die wir entlasten sollten: Mütter, Geringverdienende, Arbeitslose, gesundheitlich Beeinträchtigte.
Fratzscher plädiert stattdessen für zwei Alternativen: Erstens eine Abkehr vom sogenannten Äquivalenzprinzip - also der Kopplung der Rentenhöhe an die Beiträge - zugunsten niedriger Renten, um die Rente kleinerer Einkommen leicht anzuheben. Zweitens einen „Boomer-Soli", der die Menschen mit den obersten 20 Prozent Alterseinkommen inklusive Betriebsrenten, Kapitaleinkünften und privater Vorsorge stärker belastet, um die unteren 40 Prozent der Rentner zu entlasten.