Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), fordert, das Renteneintrittsalter rasch auf 70 Jahre anzuheben. In einem Interview mit T-Online warnt er, Deutschland stehe vor einem massiven demografischen Problem: In den kommenden zehn Jahren würden fünf Millionen Babyboomer den Arbeitsmarkt verlassen, ohne dass ausreichend junge Erwerbstätige nachrückten: „Wir verlieren netto ungefähr fünf Millionen Beschäftigte", sagt Fratzscher. Und das habe gravierende Folgen für Unternehmen, Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme.
Der DIW-Chef kritisiert, dass schon heute mehr als 120 Milliarden Euro jährlich als Bundeszuschuss in die gesetzliche Rentenversicherung fließen. Dieser Betrag würde ohne grundlegende Reformen weiter steigen:
„Wenn wir nichts ändern, wird der Sozialstaat in dieser Form in zehn Jahren nicht mehr finanzierbar sein."
Fratzscher gilt als einer der renommiertesten und politisch einflussreichsten Ökonomen des Landes. Im Interview geht er scharf mit der Regierung ins Gericht: So sei bereits die Entscheidung, die Rentengarantie über 2031 hinaus fortzuschreiben, „ein Schritt in die falsche Richtung" gewesen, weil das notwendige Reformen erneut verschiebe. Als Vorbild nannte er Dänemark. Dort hatte die Regierung die Erhöhung des Rentenalters mit vergleichsweise geringem gesellschaftlichen Widerstand umgesetzt – auch weil die Bürger dort verstünden, dass steigende Lebenserwartung und gleichbleibende Lebensarbeitszeit nicht zusammenpassten.
Insgesamt diagnostizierte Fratzscher Deutschland eine „mentale Depression". Die meisten Menschen scheuten Veränderungen und hielten am Status quo fest: „Wenn wir da nicht herauskommen, sehe ich schwarz für die kommenden Jahre."