Deutschland ringt um neue Lösungen für die Altersvorsorge, doch damit stehen wir nicht alleine da. Andere Wohlfahrtsstaaten kämpfen mit ähnlichen Problemen, müssen ihre Rentensysteme ebenfalls überdenken. Der US-Finanzdienstleister State Street hat in einer neuen Studie exemplarisch für 15 Länder weltweit untersucht, welche wirtschaftlichen Faktoren Staaten dazu bringen, ihre Altersvorsorgesysteme zu erneuern - und fünf Treiber ausgemacht, die neue Systeme anstoßen. Dazu nennt der Vermögensverwalter konkrete Ideen, wie Fintechs Reformen unterstützen und umsetzen könnten.
Was bewegt Staaten zu Rentenreformen?
- Wenige Kinder. Kurz gesagt: Wenn immer mehr Ruheständler auf immer weniger Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter trifft, bringt das jedes Umlagesystem an seine Grenzen. Das ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ländern wie Japan und Italien eine riesige und noch ungelöste Herausforderung.
- Steigende Lebenserwartung. Menschen werden immer älter und beziehen somit immer länger Renteneinkommen. Damit wächst zugleich das Risiko, dass angespartes Vermögen schon vor dem Lebensende aufgebraucht ist. Als logische Gegenmaßnahme haben viele Industrie- und Schwellenländer das Renteneintrittsalter angehoben. Das wirkt doppelt, weil jedes Jahr Mehrarbeit nicht nur die Einzahlungen erhöht, sondern auch die Bezugsdauer senkt. Schrittweise Übergangsmodelle in den Ruhestand sind eine weitere übliche Reform-Reaktion.
- Sozioökonomische Faktoren. Früher galt oft ein Job ein Leben lang. Und darauf sind auch die sozialen Sicherungssysteme ausgelegt. Mit neuen und veränderten Arbeits- und Lebensmodellen wächst nun aber etwa in Nord- und Mittelamerika, im asiatischen Raum sowie in Australien der Anteil der Menschen rapide an, die außerhalb des traditionellen Arbeitsmarkts beschäftigt sind und jahrelang gar nicht mehr in die Rentenkasse einzahlen. Darauf sind die meisten Systeme heute noch nicht ausgelegt. Unsere Debatten darum, auch Beamte und Selbstständige in die Rentenkasse einzahlen zu lassen, kreisen genau um diesen Punkt.
- Fiskalpolitik und Staatsverschuldung. Länder wie Japan, Italien, Kanada, Großbritannien und die USA haben in den vergangenen Jahren besonders viele neue Schulden aufgenommen. Das schränkt den Spielraum für mögliche Rentenreformen dauerhaft ein, denn die Systeme werden heute nahezu überall massiv durch Steuern unterstützt. So flossen beispielsweise im Jahr 2024 in Deutschland rund 120 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung - das war rund ein Viertel des gesamten Steuereinnahmen und damit die größte Haushaltsposition überhaupt.
- Technischer Fortschritt. Zunehmende Digitalisierung und der wachsende Fintech-Markt können sich positiv auf die Renten auswirken, weil sie die Produktivität im Finanzsektor steigern.
Die Studie betrachtet Länder in Nordamerika, Europa, im asiatisch-pazifischen Raum, in Lateinamerika und im Nahen Osten. Unter anderem haben die Forscher die Rentensystem der USA und Großbritanniens, Japans, Italiens, Norwegens, der Niederlande und Deutschlands sowie der Vereinigten Arabischen Emirate, Australiens und Chiles analysiert. Am resilientesten erwiesen sich Systeme, die Risiken innerhalb der Altersvorsorge auf verschiedene Säulen verteilten: Staat, Unternehmen, Versicherungen und private Vorsorge der Bürgerinnen und Bürger.
Was sind die Empfehlungen für Deutschland?
Deutschland beschreiben die Autoren als Bismarck-System, getragen vorrangig vom beitragsfinanzierten und umlagebasierten Modell der Gesetzlichen Rentenversicherung. Der demographische Wandel bildet hier die größte Herausforderung, weshalb kurz gesagt neue Lösungen für die private und die betriebliche Altersvorsorge hermüssen. Die Studienautoren sehen darin eine möglich Win-Win-Situation für Rentensparer und Finanzdienstleister. Vor allem Fintech-Lösungen könnten den Wandel beschleunungen, und zwar durch:
- eine modernere und digital verwaltete betriebliche Altersvorsorge (bAV),
- einfache Lösungen für das Entsparen im Ruhestand, die einen Überblick über alle Säulen hinweg bieten,
- eine Altersvorsorge-Finanzplanung, die Pflegekosten direkt mitdenkt und Einkommen, Versicherungen und Service-Navigation in Einklang vereint und
- kostengünstige ETF-basierte Produkte im Rahmen des geplanten Altersvorsorgedepots.
Welche digitalen Dienstleistungen auf den Markt kommen und sich durchsetzen werden, schreiben die Autoren nicht. Mehr Übersicht schafft jedenfalls schon mal die Digitale Rentenübersicht der Deutschen Rentenversicherung. Seit Jahresbeginn sind dort neben der gesetzlichen Rente auch die betriebliche Altersvorsorge und private Rentenverträge einsehbar, wenn man das Tool entsprechend nutzt. Zugriff haben Nutzer allerdings bisher nur mit Hilfe des elektronischen Personalausweises. Und damit hatten sich von 35 Millionen Pflichtversicherten in Deutschland bis Ende 2025 nur 320.000 Menschen registriert.
Fazit: Bei digitalen Lösungen für die Rente ist also offensichtlich noch eine Menge Luft nach oben.
























