Faktencheck: Leben Besserverdienende länger?

Porträt Olaf Wittrock | Foto: Rudolf Wichert
Olaf Wittrock
Paar beim Golfen
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16 Apr 2026
Politiker wie der Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach wollen die Rente für Gutverdiener deckeln, weil Wohlhabende länger leben. Was die Forschung dazu sagt. Und was solche Reformideen schwierig macht.

Forderungen, die gesetzliche Rente für Gutverdiener zu deckeln, sind nicht neu. Der SPD-Politiker und ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte nun kürzlich, warum er darin eine Frage der Gerechtigkeit sieht. Sein Argrument: Wer mehr verdient, lebt im Schnitt länger – und kassiert damit auch entsprechend länger Rente als Menschen mit geringeren Einkommen. Und dann haben Gutverdiener wegen ihrer langen Ausbildungszeiten auch noch weniger Jahre ins System eingezahlt. Ergebnis: Einkommensschwache Gruppen zählen länger ein, weil sie früher ins Berufsleben einsteigen, profitieren dann aber kürzer davon, weil sie früher sterben. „Das kann doch nicht richtig sein“, kritisierte Lauterbach kürzlich in der ARD-Sendung Caren Miosga. Er sprach sich dafür aus, Renten von Gutverdienern stärker zu deckeln als bisher: „Dann können wir uns erstens die Rente länger leisten. Und könnten die Rente etwas verbessern für die Geringverdiener.“

Wie hängen Einkommen und Lebenserwartung zusammen?

Tatsächlich belegen Studien, dass Lebenserwartung und Einkommen in einer engen Beziehung stehen: So hat das Deutsche Institut fürWirtschaftsforschung (DIW) jüngst Daten aus den Jahren 1984 bis 2021 ausgewertet und dabei erhebliche Unterschiede gefunden. Die Sterbewahrscheinlichkeit zwischen 55 und 76 Jahren legt danach für Männer mit dem niedrigsten Einkommen - den unteren 20 Prozent - fast doppelt so hoch wie für Männer mit dem höchsten Einkommen, also den oberen 20 Prozent. Von den Einkommensschwachen sterben in der Zeit 21 Prozent, von den Besserverdienenden bloß 11 Prozent.

Auffällig: Bei Frauen lässt sich kaum ein Zusammenhang zwischen Einkommen und Sterbewahrscheinlichkeit im Alter finden. Die Studienmacher führen das auf andere Erwerbsbiografien zurück. Danach unterbrechen Frauen ihre Karrieren häufiger für Kindererziehungszeiten oder Pflege, arbeiten öfter in Teilzeit und haben dadurch ohnehin ein geringeres Einkommen. In Paarhaushalten greifen sie indes auf die Ressourcen des Partners zurück, weshalb ihr persönliches Einkommen ein schlechter Indikator für ihren tatsächlichen Lebensstandard ist. Berücksichtigt man stattdessen die Haushaltseinkommen, zeigt sich auch bei Frauen ein Unterschied. Zwischen dem einkommensstärksten und einkomensschwächsten Fünftel unterscheidet sich die Sterbewahrscheinlichkeit zwischen 55 und 74 Jahren um etwa vier Prozentpunkte.

„Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung führt dazu, dass Menschen mit niedrigen Einkommen von ihrem Einkommen relativ viel in die Rente einzahlen, aber wenig rausbekommen“, bestätigt Johannes Geyer, Rentenexperte beim DIW und Autor der Studie: „Bei den Reichen ist es umgekehrt. Wir haben bei der Rente sozusagen eine Umverteilung von unten nach oben.

In einer früheren Studie aus dem Jahr 2022 hatten DIW-Forscher die sogenannte fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren untersucht. Gemessen an der einkommensstärksten Gruppe – Personen mit mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens – hatten Männer aus armutsgefährdeten Haushalten, die unter 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienten, eine um über sechs Jahre niedrigere Restlebenserwartung. Bei Frauen betrug der Unterschied immerhin vier Jahre.

Was heißt das für die gesetzliche Altersvorsorge?

Ob dieser Zusammenhang in der gesetzlichen Rente berücksichtigt werden sollte, ist umstritten. Der Ökonom Jens Südekum hatte im Jahr 2025 vorgeschlagen, den Renteneintritt stärker an die Beitragsjahre zu knüpfen, um so die langjährigen Einzahler zu begünstigen. Doch ein solches System würde ausgrerechnet Frauen mit langen Familien- und Teilzeitphasen und entsprechend wenigen Beitragsjahren benachteiligen, warnt der Wirtschaftsweise Martin Werding: „Die Idee, die Lebensarbeitszeit stärker zu berücksichtigen, ist nachvollziehbar“, sagt er. „Aber wenn wir nur den Eintrittsmodus umbauen, ohne Beiträge, Rentenniveau und ergänzende Vorsorge mitzudenken, verlagern wir Probleme. Wir lösen sie aber nicht.“

Auch die DIW-Studienautoren sind skeptisch: „Eine individuelle Risikoadjustierung nach dem Einkommen würde die Frage aufwerfen, welche weiteren individuellen Merkmale in die Berechnung einfließen sollten“, heißt es in ihrer Analyse. Zugleich erkennen sie in ihren Ergebnissen starke Argumente dafür, niedrige Rentenansprüche aufzubessern – etwa, um Altersarmut zu bekämpfen oder die Lebensleistung anzuerkennen. Neue Bewegung in die Debatte dürfte das Reformpaket der Rentenkommission bringen, die im Juli ihre Vorschläge vorstellen wird.

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