Verbraucherschützer feierten es als doppelten Erfolg: Während der parlamentarischen Verhandlungen rund um das neue Altersvorsorgedepot gelang es ihnen, gleich zwei aus ihrer Sicht substanzielle Verbesserungen in dem Gesetz zu verankern. Zum einen beschloss der Bundestag einen strengeren Gebührendeckel als ursprünglich vorgesehen. Zum anderen ist nun geplant, dass der Staat selbst ein eigenes Produktangebot an den Markt bringt. Beides zusammen soll die Kosten des Riester-Nachfolgers begrenzen und so die Nettorendite des Altersvorsorgedepots substanziell verbessern.
Ursprünglich hatte die Regierung geplant, das Altersvorsorgedepot ausschließlich privaten Anbietern zu überlassen. Diese sollten auch ein besonders einfaches Standardprodukt bereitstellen, mit bis zu 1,5 Prozent jährlichen Kosten. Gegenüber Riester-Verträgen, für die oft 2 bis 3 Prozent Kosten im Jahr an die Anbieter abgeflossen waren, wäre das ein Fortschritt gewesen. Für Anlegerinnen und Anleger aber weiterhin teuer. Immerhin kosten simple ETF-Sparpläne heute ein Bruchteil.
Der Staat spart künftig mit
Bei der Expertenanhörung im Bundestag hatte es dann Kritik gehagelt, auch viele Parlamentarier befanden den Kostendeckel als zu hoch, so kippte der Entwurf. Im Ergebnis sind für das besonders einfach konzipierte Basisprodukt, das für den reinen Online-Abschluss ohne Beratung gedacht ist, jetzt höchstens noch 1 Prozent jährliche Gebühren erlaubt. Zudem will der Staat selbst ein Angebot entwickeln. Ein noch nicht näher benannter öffentlicher Träger soll dazu einen staatlich verwalteten Standarddepot-Vertrag entwickeln. Die Details sind noch offen, aber der Preis dieses Angebots dürfte de facto am Markt den neuen Gebührenstandard setzen. Und alle, die damit befasst sind, gehen davon aus, dass er weit unterhalb des zulässigen 1%-Kostendeckels liegen dürfte.
Hartmut Walz, der als Verhaltensökonom, Finanzblog-Autor und Unterstützer der Bürgerbewegung Finanzwende vor allem in sozialen Medien gut vernetzt ist, nennt die Tatsache, dass der Staat als Anbieter mit in den Markt einsteigt, den „eigentlichen Gamechanger“. Denn wenn der Staat selbst die Kosten niedrig hält, schafft das auch für private Anbieter einen Anreiz, den Spielraum von bis zu 1Prozent Effektivkosten nicht auszureizen, schreibt Walz in einer Analyse. In Schweden etwa komme der durchaus vergleichbare staatliche Standardfonds AP7 Såfa teilweise mit bloß mit 0,04 Prozent Kosten aus.
Rechnung 1: 1,5 Billionen Euro mehr im Depot?
Walz hatte im Vorfeld überschlagen, was ein Produkt mit 1,5 Prozent Kosten gegenüber einem Modell mit bloß 0,2 Prozent Kosten an Rendite und damit Endvermögen für die Vorsorge gekostet hätte: Allein für die heute 20- bis 30-Jährigen kam er in seiner Überschlagsrechnung bei 100 Euro Sparrate im Monat über die gesamte Spardauer auf 1,5 Billionen Euro Unterschied, die bei den höheren Kosten statt im Depot der Kunden auf den Konten der Finanzindustrie gelandet wären.
Rechnung 2: Fressen die Kosten alle Zuschüsse auf?
Wie überragend wichtig Kosten bei der langfristigen Geldanlage für die Rendite sind, hat auch das Finanzvergleichsportal Verivox überschlagen. Hier verglich man beispielhaft ein Altersvorsorgedepot mit einem Prozent jährlicher Kosten mit einem simplen ETF-Sparplan zu Null-Kosten. Das Szenario ist hier etwas anders als bei Walz: Verivox lässt einen heute 25-Jähriger über 42 Jahre jeden Monat 150 Euro in einen ETF-Sparplan ohne weitere Gebühren einzahlen, der 7,5 Prozent Jahresrendite einbringt – laut Verivox die historische Durchschnittsrendite des MSCI World abzüglich marktüblicher ETF-Gebühren. Alternativ dazu fließt das Geld in ein Altersvorsorgedepot mit 1,0 Prozent Kosten und 30 Prozent staatlichem Zuschuss. Hier fließen pro Monat also statt 150 sogar 195 Euro ins Depot.
Ergebnis dieser Modellrechnung: Das nicht geförderte Kostenlos-Depot steht am Ende bei 496.000 Euro. Das Altersvorsorgedepot kommt trotz der Zuschüsse nur auf rund 480.000 Euro. „Über die Jahre und Jahrzehnte fließt bei dieser Kostenquote so viel Vermögen ab, dass es die gesamte staatliche Förderung mehr als aufzehren kann“, kommentiert Verivox-Geschäftsführer Oliver Maier. Anders gesagt: Der staatliche Zuschlag landet am Ende nicht bei den Kunden, sondern in der Finanzindustrie.
Warum Vergleiche oft hinken
Peter Schwark, Sprecher des von der Deutschen Bank gegründeten Deutschen Instituts für Altersvorsorge, findet, das Altersvorsorgedepot werde mit solchen Vergleichen schlecht gerechnet: „Hier wird ein Vergleich konstruiert, der reale Kosten im ungeförderten Vergleichsdepot ignoriert und die steuerliche Realität vollständig ausblendet.“
Erstens werde 1 Prozent gegen 0 gerechnet, was eine künstliche Kostenschere erzeuge, da der Abstand in der Realität oft geringer ausfallen dürfte, weil einerseits ja auch ETF-Sparpläne höhere Kosten verursachen könnten und andererseits der Kostendeckel bei Altersvorsorgedepot nicht ausgeschöpft werden müsse.
Zweitens unterliegen laufende Erträge im ungeförderten ETF‑Depot der Abgeltungsteuer, entweder über Ausschüttungen oder über die Vorabpauschale. Diese Steuerabflüsse senken die Nachsteuerrendite erheblich. „Gleichzeitig bleiben die steuerlichen Vorteile des Altersvorsorgedepots, etwa die Abzugsfähigkeit der Beiträge inklusive Zulagen und die Günstigerprüfung, komplett außen vor“, kritisiert Schwark. Wer reale Kosten, tatsächliche Steuerbelastungen und volle Förder‑ und Steuerwirkungen berücksichtige, komme zum umgekehrten Ergebnis. Verkürzte Vergleichsrechnungen führten dagegen in die Irre.
Fazit: Kosten sind und bleiben einer derwichtigtsten Faktoren für die Rendite. Zugleich geht das Altersvorsorgedepot mit erheblichen Startvorteilen ins Vorsorgerennen – vom Zuschuss bis zur Steuerersparnis. Wer wissen will, was teurer ist, kommt mit Modellrechnungen allein nicht weiter - und schon den Einzelfall betrachten. Wenn du wissen willst, wie du deine Rentenlücke im Alter schließen kannst, empfehen wir unserem Lückenschlussrechner. Da kannst du deine eigene Lage detailliert betrachten.




























